Ich fange mit dem Geständnis an, weil sonst der ganze Artikel schief steht: Ich trinke meinen Kaffee überwiegend als Flat White. Mit Milchschaum. Und immer mit Zucker.
Das ist in Specialty-Coffee-Kreisen ungefähr so populär wie Ketchup auf einem Rindersteak. Trotzdem kommt bei mir jeder neue Kaffee zuerst schwarz in die Tasse – und zwar nicht aus schlechtem Gewissen, sondern weil ich sonst nicht herausfinde, was die Bohne kann.
Genau darum geht es in diesem Artikel. Nicht um die Frage, ob du zum schwarzen Kaffee konvertieren solltest. Sondern darum, was „schwarz“ überhaupt umfasst, was Milch mit dem Geschmack anstellt, wie du einen Kaffee schwarz so verkostest, dass du etwas dabei lernst – und wie der Umstieg gelingt, falls du ihn willst.
Und wo es Zahlen gibt, stehen die Quellen dabei. Bei den Kalorien ist das nötiger, als du denkst: Die Angabe, die du im Netz am häufigsten findest, ist um den Faktor zehn falsch.
Was „schwarzer Kaffee“ eigentlich bedeutet
Schwarzer Kaffee ist Kaffee ohne Milch, Sahne oder Milchersatz. Der Begriff bezeichnet keine Zubereitungsart, sondern eine Kategorie: Filterkaffee, French Press, Espresso, Kaffee aus dem Espressokocher, Cold Brew und türkischer Mokka sind alle schwarzer Kaffee. Was sie verbindet, ist eine Weglassung – nicht eine Methode.
Das klingt trivial, führt aber ständig zu Missverständnissen. Wenn jemand sagt „ich trinke nur schwarz“, weißt du damit noch nichts darüber, was in der Tasse ist. Ein heller Filterkaffee aus Äthiopien und ein dunkel gerösteter Espresso aus dem Siebträger haben geschmacklich fast nichts gemeinsam – außer, dass beide ohne Milch auskommen.
Zweite Klarstellung, die oft untergeht: Schwarz sagt nichts über Zucker aus. Der Begriff meint die Milch. In Italien trinken viele Menschen ihren Espresso mit einem gehäuften Löffel Zucker, und niemand käme auf die Idee, den nicht als schwarz zu bezeichnen. Wenn du also gerade dabei bist, dir schwarzen Kaffee anzugewöhnen: Du darfst den Zucker erstmal drinlassen. Dazu später mehr, denn die Reihenfolge beim Weglassen macht einen Unterschied.
Die Varianten im Überblick
Sechs Wege, Kaffee ohne Milch zu machen. Die Zahlen sind Richtwerte, keine Gesetze – sie geben dir einen Startpunkt, von dem aus du in deine Richtung korrigierst.
| Methode | Mahlgrad | Kaffee : Wasser | Dauer | Charakter |
|---|---|---|---|---|
| Filterkaffee (Handfilter) | mittel | 1 : 16 bis 1 : 18 | 3–4 Min | klar, leicht, durchsichtig |
| French Press | grob | 1 : 15 | 4 Min | körperreich, öliger, mit Satz |
| AeroPress | mittelfein | 1 : 14 | 1–2 Min | sauber, sehr wandelbar |
| Espressokocher (Moka) | fein-mittel | Sieb füllen | 4–5 Min | kräftig, schokoladig, robust |
| Espresso | fein | 1 : 2 | 25–30 Sek | konzentriert, dicht, intensiv |
| Türkischer Mokka | staubfein | ca. 1 : 10 | aufkochen | dicht, süß, mit Satz |
| Cold Brew | grob | 1 : 8 trinkfertig, 1 : 4 als Konzentrat | 12–18 Std | mild, weich, wenig Säure |
Für Filterkaffee gibt es sogar einen offiziellen Richtwert: Der Golden Cup Standard der Specialty Coffee Association nennt 55 Gramm Kaffee pro Liter Wasser, mit zehn Prozent Spielraum nach oben und unten. Das entspricht ungefähr 1 : 18. Die meisten Röstereien empfehlen etwas mehr Kaffee, also 1 : 16.
Ein Hinweis, den kaum jemand gibt: Wenn du schwarzen Kaffee bisher nicht magst, fang nicht beim Espresso an. Cold Brew ist von allen Varianten die mildeste – das kalte Wasser löst insgesamt weniger Säure heraus als heißes.
Kurioserweise liegt der pH-Wert dabei fast gleich: Eine Untersuchung fand für heiß und kalt gebrühten Kaffee praktisch identische Werte, bei heißer Brühung aber eine höhere Gesamtsäuremenge (Rao & Fuller, Scientific Reports 2018). Es ist also nicht der Säuregrad, der Cold Brew milder macht, sondern die Menge. Er schmeckt weich und fast süßlich, ohne dass Zucker drin wäre – der realistischste Einstieg, den ich kenne, und er wird in praktisch jedem Artikel zum Thema übersehen.
Jede dieser Methoden verdient einen eigenen Artikel, und die kommen nach und nach. Hier geht es um das, was sie verbindet.
Warum Menschen schwarz trinken
Es gibt vier Gründe, und sie sind alle gleich gültig. Die Specialty-Szene tut manchmal so, als zähle nur der letzte.
Sie vertragen keine Milch
Das Bundeszentrum für Ernährung gibt den Anteil der Menschen mit Laktoseintoleranz in Deutschland mit etwa 15 Prozent an. In Europa liegt die Spanne bei 5 bis 15 Prozent – weltweit sieht es völlig anders aus: In Afrika und Ostasien sind 65 bis über 90 Prozent der Erwachsenen betroffen (Laktoseintoleranz, Übersicht mit Quellen).
Anders gesagt: Milch im Kaffee ist global gesehen die Ausnahme, nicht die Regel. Dass wir sie für den Normalfall halten, ist eine mitteleuropäische Eigenheit.
Sie mögen keine warme Milch
Der am meisten unterschätzte Grund. Es gibt eine ganze Menge Leute, die Milch gut vertragen, aber warme Milch nicht mögen – eine Abneigung, die oft aus der Kindheit stammt und sich hartnäckig hält.
Dazu kommt das Aufstoßen nach Milchschaum. Eine naheliegende Erklärung ist die eingeschlagene Luft — ein Cappuccino besteht zu einem erheblichen Teil daraus, und die muss irgendwo hin. Belegen lässt sich das allerdings nicht: In der medizinischen Literatur zum Luftschlucken tauchen kohlensäurehaltige Getränke, Strohhalme und hastiges Essen auf, Milchschaum nicht. Häufiger dürfte eine leichte Laktoseempfindlichkeit dahinterstecken. Wer es kennt, kommt mit Espresso oder Filterkaffee besser zurecht – die Ursache ist für die Lösung ja zweitrangig.
Kalorien
Schwarzer Kaffee ist praktisch kalorienfrei. Wie weit „praktisch“ hier reicht, steht weiter unten – mit einer Korrektur zu einer Zahl, die überall falsch kursiert.
Sie wollen schmecken, was drin ist
Die Fraktion, zu der ich beim Verkosten gehöre, auch wenn ich beim Trinken zum Cappuccino greife. Wer wissen will, was eine Bohne kann, muss sie schwarz probieren. Warum das so ist, ist der interessanteste Teil des Themas.
Fünf Wege zu schwarzem Kaffee, alle bei mir im Einsatz: Handfilter, Bialetti Brikka, AeroPress, French Press und die Zuriga als Siebträgermaschine. Dieselbe Bohne schmeckt in allen fünf anders.
Was Milch mit dem Geschmack macht
Milch tut drei Dinge gleichzeitig, und alle drei sind angenehm.
Sie puffert die Säure ab. Was schwarz als klare Zitrusnote wahrnehmbar ist, wird mit Milch zu einer runden Grundsäure, die kaum noch auffällt. Sie mildert die Bitterkeit – Milchproteine und Fett binden einen Teil der Bitterstoffe und dämpfen die Wahrnehmung. Und sie bringt eigene Süße mit: Laktose, plus die Süße, die beim Aufschäumen durch die Wärme deutlicher hervortritt.
Das Ergebnis ist ein weicheres, runderes, zugänglicheres Getränk. Es gibt einen Grund, warum Cappuccino und Latte den Massenmarkt bedienen und nicht der schwarze Filterkaffee.
Und hier kommt die Kehrseite, um die sich dieser ganze Artikel dreht: Dieselben drei Effekte, die Kaffee angenehmer machen, decken auch alles zu, was an einer Bohne schlecht ist.
Eine verbrannte Röstung schmeckt schwarz nach Asche. Im Cappuccino schmeckt sie nach „kräftig“. Ein Kaffee, der zu kurz extrahiert wurde, ist schwarz unangenehm sauer und dünn. Mit Milchschaum wirkt er einfach nur mild. Alte, abgestandene Bohnen schmecken schwarz flach und pappig – unter Milch merkt man das kaum.
Daraus folgt der Satz, den ich mir selbst über die Küchenzeile hängen würde, wenn ich der Typ dafür wäre: Schwarz ist die Qualitätsprobe, nicht die Glaubensfrage.
Du musst deinen Kaffee nicht schwarz trinken. Aber wenn du wissen willst, ob eine Bohne ihr Geld wert ist, gibt es keinen anderen Weg als diesen einen Schluck ohne alles.
Wie ich einen neuen Kaffee verkoste
Hier kommt der Teil, für den ich diesen Artikel eigentlich schreiben wollte. Es ist kein offizielles Cupping-Protokoll, sondern das, was ich zuhause mache, wenn eine neue Tüte aufgeht.
Die Grundidee: einen Bezug in drei Teile zerlegen
Beim Brühen lösen sich die Bestandteile des Kaffees nicht gleichzeitig, sondern nacheinander – geordnet danach, wie leicht sie in Wasser übergehen.
Zuerst kommen die Säuren. Sie sind molekular einfach gebaut und gehen am schnellsten ins Wasser über. In dieser Phase steckt auch das, was blumig und fruchtig schmeckt. Die Fette kommen ebenfalls früh, aber auf anderem Weg: Sie lösen sich nicht, sie werden als Emulsion mitgerissen – deshalb ist French Press ölig und Filterkaffee durch das Papier nicht.
Dann kommen die Zucker. Sie sind komplexer aufgebaut und brauchen mehr Zeit und Energie. Sie bringen die Süße und den Körper, der zwischen Säure und Bitterkeit vermittelt.
Zuletzt löst das Wasser die spät verfügbaren Phenole und Gerbstoffe heraus, und es beginnt die Pflanzenfasern selbst anzugreifen. Das sind die Verbindungen, die einen überextrahierten Kaffee trocken, hohl und bitter machen (How Coffee Extraction Works, Clive Coffee).
Zwei Einschränkungen, die man dazusagen muss. Erstens ist das ein fließender Übergang, kein Ablauf in drei sauber getrennten Phasen — alles löst sich die ganze Zeit, nur in unterschiedlichem Tempo. Zweitens ist „bitter kommt zuletzt“ nicht ganz sauber: Koffein ist selbst ein Bitterstoff und geht schon früh ins Wasser über. Spät kommt nicht die Bitterkeit an sich, sondern eine bestimmte Sorte davon – die trockene, adstringierende.
Als Modell funktioniert es trotzdem, und man kann es schmecken.
Der Aufbau
Ich verwende ein Doppelsieb mit einfachem Ausguss. Das ist der entscheidende Kniff: Bei einem doppelten Ausguss läuft der Espresso in zwei Tassen, und du müsstest hin- und herwechseln. Mit einem einzelnen Auslauf habe ich einen durchgehenden Strahl und genug Zeit, drei kleine Gläser nacheinander druntersetzen.
Wenn du keinen einfachen Ausguss hast: Ein bodenloser Siebträger tut es auch, und ein Espressokocher ebenfalls — bei dem läuft der Kaffee ohnehin über mehrere Minuten in die Kanne, da kannst du in Ruhe abgreifen.
Die drei Proben
A — die ersten Tropfen. Kurz nachdem der Kaffee anfängt zu laufen. Was du hier schmeckst, ist die Säure in ihrer reinsten Form, dazu die flüchtigen Fruchtaromen. Oft überraschend intensiv, manchmal fast unangenehm sauer. Das ist normal.
B — die Mitte des Bezugs. Hier liegt die Süße. Wenn ein Kaffee gut ist, ist das der Schluck, an dem man es merkt: rund, voll, mit Körper.
C — das Ende. Jetzt kommen die Bitterstoffe und die Adstringenz, dieses pelzige Gefühl auf der Zunge. Ein bisschen davon gehört dazu und gibt dem Espresso Rückgrat. Wenn es hier hart, holzig oder aschig wird, weißt du: Du extrahierst zu lange oder mahlst zu fein.
Und: ausspucken. Drei Proben pro Bohne, mehrere Bohnen an einem Nachmittag – wer das alles trinkt, hat abends Herzrasen und schläft nicht. Profis beim Cupping spucken aus, und das hat nichts mit Angeberei zu tun.
Was dir das bringt
Der praktische Nutzen: Du findest damit heraus, in welche Richtung du korrigieren musst, ohne Refraktometer und ohne die Extraktionsausbeute auszurechnen.
- Probe A schmeckt gut, B und C sind dünn und sauer → zu kurz extrahiert. Feiner mahlen oder länger laufen lassen.
- A und B sind gut, C wird hart und bitter → zu lange extrahiert. Gröber mahlen oder früher abbrechen.
- Alle drei schmecken flach und ohne Kontur → es liegt nicht an der Einstellung, sondern an der Bohne. Oder sie ist zu alt.
Der dritte Fall ist der häufigste, und er ist der Grund, warum dieses Verfahren nützlich ist: Es sagt dir, wann du aufhören solltest, an der Mühle zu drehen.
Praxis-Tipp: Der Drei-Schluck-Test
Drei kleine Gläser bereitstellen. Doppelsieb, einfacher Ausguss. Glas 1 unter die ersten Tropfen, nach etwa einem Drittel auf Glas 2 wechseln, im letzten Drittel auf Glas 3.
Alle drei bei Trinktemperatur probieren — nicht kochend heiß, sonst schmeckst du fast nur Bitterkeit. Ausspucken. Dann in dieser Reihenfolge fragen: Ist die Säure angenehm oder stechend? Ist in der Mitte Süße? Wird das Ende hart?
Notier dir die Antworten. Nach fünf Bohnen hast du eine Vergleichsbasis, und ab da wird es interessant.
Welche Bohne schwarz funktioniert
Schwarz getrunken verzeiht Kaffee wenig. Drei Dinge entscheiden.
Frische. Der mit Abstand wichtigste Punkt und der am leichtesten zu ändernde. Ein Röstdatum auf der Packung ist Pflicht, kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Ab etwa zwei Wochen nach der Röstung wird es gut — für Filterkaffee gelten zwei bis sechs Wochen als übliches Fenster, für Espresso eher drei bis acht, weil der länger zum Entgasen braucht. Feste Regeln gibt es dafür nicht, das hängt an Röstung und Bohne. Supermarktware mit Haltbarkeit bis 2028 wirst du schwarz aber nicht mögen, und das liegt nicht an dir.
Röstgrad. Sehr dunkle Röstungen schmecken schwarz oft hart, weil viel von dem, was schmeckt, weggeröstet wurde und die Röstaromen dominieren. Helle Röstungen zeigen mehr – dafür zeigen sie auch mehr Fehler, sowohl eigene als auch deine bei der Zubereitung. Für den Anfang liegt eine mittlere Röstung am besten.
Herkunft. Wenn du schwarz anfängst, nimm etwas aus Mittelamerika oder Brasilien: nussig, schokoladig, wenig Säure. Äthiopier und Kenianer sind faszinierend, aber ihre kräftige Fruchtsäure ist für ungeübte Zungen erstmal irritierend.
Das ist übrigens der Grund, warum ich mir bei den alten deutschen Kaffeemarken die regionalen Röstereien genauer angesehen habe. Da bekommst du Röstdaten und oft die bessere Röstung.
Schwarz trinken lernen: der Umstieg
Falls du diesen Artikel gefunden hast, weil du es versuchen willst: Es geht, aber nicht über Nacht. Fünf Schritte, in dieser Reihenfolge.
1. Erst der Zucker, dann die Milch. Die meisten machen es umgekehrt und scheitern. Zucker zu reduzieren ist die kleinere Umstellung, weil die Milch die Bitterkeit weiter abfedert. Wenn du den Kaffee mit Milch ohne Zucker magst, nimm dir die Milch vor.
2. Die Milchmenge über zwei bis drei Wochen abbauen, nicht abrupt. Jede Woche etwas weniger. Dein Geschmackssinn passt sich an, aber er braucht Zeit dafür.
3. Mit der milden Methode anfangen. Cold Brew oder Handfilter, nicht Espresso. Espresso ist die konzentrierteste Form von allem — Säure, Bitterkeit, Intensität. Das ist der schwerste Einstieg, den man wählen kann.
4. Nicht zu heiß trinken. Wer zu früh trinkt, schmeckt vor allem Hitze — die Zunge ist mit dem Temperaturreiz beschäftigt, und feine Süße- und Säurenoten gehen dabei unter. Derselbe Kaffee, zwei Minuten später getrunken, schmeckt deutlich runder. Das ist der billigste Trick auf dieser Liste.
5. Eine bessere Bohne kaufen. Der häufigste Grund, warum schwarzer Kaffee nicht schmeckt, ist nicht der fehlende Zucker — es ist die Bohne. Bevor du monatelang an dir arbeitest, probier drei Wochen lang frisch gerösteten Kaffee von einer Rösterei.
Und wenn es dann immer noch nicht schmeckt?
Dann ist das in Ordnung, und du bist nicht gescheitert.
Bitterwahrnehmung ist genetisch unterschiedlich ausgeprägt. Am besten untersucht ist das Gen TAS2R38: Etwa ein Drittel der weißen Bevölkerung in Westeuropa und Nordamerika nimmt bestimmte Bitterstoffe kaum wahr, während andere – die sogenannten Supertaster – dieselben Substanzen als extrem bitter empfinden (quarks.de).
Ich muss allerdings einschränken, was ich da gerade behauptet habe: Für Kaffee im Speziellen ist dieses Gen ein schwacher Vorhersagewert. Eine genetische Auswertung fand für die Empfindlichkeit gegenüber dem Teststoff PROP kaum einen Zusammenhang mit der getrunkenen Kaffeemenge – und bei der Empfindlichkeit gegenüber Koffein sogar den umgekehrten Effekt: Wer Koffein bitterer schmeckt, trinkt eher mehr Kaffee, nicht weniger (Scientific Reports 2018).
Dass Bitterwahrnehmung genetisch variiert, steht also fest. Dass sie erklärt, warum dir schwarzer Kaffee nicht schmeckt, ist damit nicht gesagt. Was bleibt: Geschmack ist unterschiedlich, und wenn es dir nach vier Wochen nicht schmeckt, ist das keine Frage von Disziplin. Trink deinen Cappuccino – ich mache es ja auch.
Kalorien: die Zahl, die überall falsch steht
Schwarzer Kaffee hat etwa 2 Kilokalorien pro Tasse. Die USDA-Nährwertdatenbank führt gebrühten Kaffee mit 1 kcal pro 100 Milliliter, also rund 2 kcal für eine Tasse von 237 Millilitern. Das Getränk besteht zu gut 99 Prozent aus Wasser.
Du findest aber immer wieder die Angabe von 20 kcal pro Tasse – Tchibo rechnet in seiner Kaffeeakademie zum Beispiel so. Der Rechenweg ist nachvollziehbar: Man nimmt die rund 10 Gramm Kaffeepulver, die in die Tasse gehen, und rechnet deren Energiegehalt mit. Nur bleibt der größte Teil dieser Masse im Filter oder im Sieb zurück. Ins Getränk geht ausschließlich der lösliche Anteil über, und der ist energetisch fast bedeutungslos.
Wer wissen will, was er trinkt, nimmt die 2 kcal. Wer wissen will, was er gekauft hat, die 20.
Was den Unterschied macht, ist ohnehin das, was dazukommt: Ein großer Milchkaffee mit Sirup liegt je nach Größe und Zutaten schnell im dreistelligen Bereich. Der Kaffee darin ist nie das Problem.
Und was ist mit den Antioxidantien?
Hier wird es interessant, weil in fast jedem Artikel zum Thema steht, Milch würde die gesunden Inhaltsstoffe des Kaffees blockieren. Ganz falsch ist das nicht – eindeutig belegt aber auch nicht.
Eine Humanstudie von Duarte und Farah (Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2011) fand einen deutlichen Effekt: Nach dem Trinken von Kaffee mit Milch wurden im Urin durchschnittlich 40 Prozent der aufgenommenen Chlorogensäuren wiedergefunden, nach Kaffee ohne Milch dagegen 68 Prozent. Wichtige Einschränkung, die selten mitgenannt wird: Die Studie arbeitete mit löslichem Kaffee, nicht mit gebrühtem.
Andere Untersuchungen fanden bei kleinen Milchmengen keinen negativen Effekt, und Laborstudien deuten sogar in die Gegenrichtung – dort erhöhte Milch die Verfügbarkeit der Chlorogensäuren, abhängig vom Fettgehalt (Übersichtsarbeit in Beverages, 2019).
Meine ehrliche Einordnung: Es gibt Hinweise, dass Milch einen Teil der Chlorogensäuren bindet. Für eine klare Ansage reicht die Datenlage nicht. Wer Kaffee wegen der Antioxidantien trinkt, hat ohnehin die falsche Motivation – was die Forschung zu Kaffee und Gesundheit insgesamt sagt, habe ich hier ausführlich aufgeschrieben.
Fazit
Ich wechsle nicht. Morgen früh läuft wieder die Zuriga, die Eureka mahlt, und in die Tasse kommt Milchschaum und Zucker. Das ist mein Kaffee, und ich habe aufgehört, mich dafür zu rechtfertigen.
Was ich aber jedem empfehlen würde: Probier jeden neuen Kaffee einmal schwarz, bevor du Milch dazugibst. Nicht als Lebensstil, sondern als Werkzeug. Es dauert dreißig Sekunden und sagt dir mehr über deine Bohne als jede Verpackungsbeschreibung.
Und falls du gerade umsteigen willst: Fang mit dem Zucker an, nicht mit der Milch. Nimm Cold Brew oder Filter, nicht Espresso. Und kauf frisch geröstete Bohnen, bevor du an dir selbst zweifelst. Das ist die Reihenfolge, die funktioniert.
Wie gesund ist Kaffee eigentlich?
Ob mit Milch oder ohne — die Frage, was Kaffee im Körper macht, stellt sich so oder so. Ich habe mir die großen Studien angesehen und aufgeschrieben, wo die Belege stark sind und wo nicht.
Häufige Fragen zu schwarzem Kaffee
Was ist schwarzer Kaffee?
Kaffee ohne Milch, Sahne oder Milchersatz. Der Begriff beschreibt keine Zubereitungsart – Filterkaffee, French Press, Espresso, Cold Brew und türkischer Mokka sind alle schwarzer Kaffee. Über Zucker sagt der Begriff nichts aus.
Wie viele Kalorien hat schwarzer Kaffee?
Etwa 2 Kilokalorien pro Tasse – die USDA-Datenbank führt 1 kcal pro 100 ml. Gebrühter Kaffee besteht zu gut 99 Prozent aus Wasser. Die verbreitete Angabe von 20 kcal beruht auf einer Rechnung mit dem trockenen Kaffeepulver, und das bleibt größtenteils im Filter.
Warum schmeckt schwarzer Kaffee bitter?
Meist aus drei Gründen: zu lange oder zu fein extrahiert, zu dunkel geröstet, oder zu heiß getrunken. Dazu kommt die individuelle Veranlagung – etwa ein Drittel der Menschen in Westeuropa nimmt bestimmte Bitterstoffe kaum wahr, andere empfinden sie als sehr stark.
Welcher Kaffee eignet sich am besten, um schwarz zu trinken?
Frisch geröstet mit Röstdatum, mittlerer Röstgrad, Herkunft aus Mittelamerika oder Brasilien. Nussig-schokoladige Profile sind zugänglicher als fruchtig-säurebetonte aus Äthiopien oder Kenia.
Kann man sich an schwarzen Kaffee gewöhnen?
In der Regel ja, wenn man zwei bis drei Wochen einplant und schrittweise vorgeht: erst den Zucker reduzieren, dann die Milch. Bei ausgeprägter Bitterempfindlichkeit kann es trotzdem sein, dass es nicht schmeckt – das ist keine Frage der Gewöhnung.
Ist schwarzer Kaffee gesünder als Kaffee mit Milch?
Er hat praktisch keine Kalorien, das ist der klarste Unterschied. Ob Milch die Aufnahme der Chlorogensäuren verringert, ist umstritten: Eine Humanstudie fand einen deutlichen Effekt, andere Untersuchungen keinen.
Was ist der Unterschied zwischen schwarzem Kaffee und Espresso?
Espresso ist eine Zubereitungsart, schwarzer Kaffee eine Kategorie. Jeder Espresso ohne Milch ist schwarzer Kaffee – aber nicht jeder schwarze Kaffee ist Espresso.
Quellen
- Specialty Coffee Association: Golden Cup Standard — 55 g Kaffee pro Liter Wasser (± 10 %)
- Clive Coffee: How Coffee Extraction Works — Reihenfolge der Extraktion: Säuren und Fette, Zucker, Bitterstoffe
- USDA FoodData Central: Coffee, brewed, prepared with tap water — 1 kcal pro 100 ml, gut 99 % Wasser
- Rao N.Z., Fuller M.: Acidity and Antioxidant Activity of Cold Brew Coffee. Scientific Reports 2018 — pH bei heiß und kalt nahezu gleich, Gesamtsäure bei Heißbrühung höher
- Bundeszentrum für Ernährung, zitiert nach Laktoseintoleranz — ca. 15 % der Bevölkerung in Deutschland
- quarks.de: Geschmäcker sind unterschiedlich — das haben deine Gene damit zu tun — TAS2R38 und Bitterwahrnehmung
- Duarte G.S., Farah A.: Effect of Simultaneous Consumption of Milk and Coffee on Chlorogenic Acids‘ Bioavailability in Humans. J Agric Food Chem 2011;59(14):7925–7931
- Farah A., Lima J.: Consumption of Chlorogenic Acids through Coffee and Health Implications. Beverages 2019;5(1):11 — Übersicht zur widersprüchlichen Datenlage bei Milch
- Ong J.-S. et al.: Understanding the role of bitter taste perception in coffee, tea and alcohol consumption. Scientific Reports 2018 — TAS2R38 als schwacher Vorhersagewert für Kaffeekonsum
