Jeder Heimbarista hat seinen eigenen Ablauf – eine kleine Choreografie aus Handgriffen, die irgendwann in Fleisch und Blut übergeht. Hier zeige ich dir meinen, so wie er im Juli 2026 wirklich aussieht: von der ersten Taste bis zur Latte Art im Flat White. Kein Idealbild aus dem Lehrbuch, sondern mein echter Weg an meiner Zuriga und der geliehenen Eureka Mignon.
Ich schreibe die Schritte in der Reihenfolge auf, in der ich sie mache. Am Ende findest du außerdem die Dinge, die bei mir schon schiefgegangen sind (alles davon ist wirklich passiert), und woran ich mein Setup gerade noch verbessern will.
☕ Mein aktuelles Setup
Espressomaschine: Zuriga, 2. Generation, mit Dampflanze · Mühle: Eureka Mignon Silenzio (Leihgerät) · dazu Waage, Tamper, Milchkännchen und ein Quooker für heißes Wasser.
Teil 1: Vorbereitung
Guter Espresso beginnt, bevor die erste Bohne gemahlen ist. Die ersten Minuten entscheiden über Temperatur und Sauberkeit – und darüber, ob der Ablauf später rund läuft oder hektisch wird.
1. Maschine einschalten
Als Erstes geht die Zuriga an. Sie ist nach rund zwei Minuten auf Betriebstemperatur – der Siebträger selbst ist dann aber noch kalt (dazu später mehr). Diese zwei Minuten nutze ich für alles Weitere.
2. Wasser im Tank prüfen – und nachfüllen
Ein kurzer Blick in den Tank: genug Wasser drin? Wenn nicht, fülle ich nach. Welches Wasser du nimmst, ist übrigens kein Detail – hartes Wasser killt auf Dauer die Maschine. Warum ich auf weiches, stilles Wasser setze, habe ich im großen Wasser-Guide ausführlich beschrieben.
3. Tassen vorwärmen
Kalte Tassen ziehen dem Espresso sofort Wärme ab. Ich wärme sie mit heißem Wasser aus dem Quooker vor (zur Not tut es die Mikrowelle) und stelle sie oben auf die Maschine. Eine warme Tasse hält die Crema stabiler und den Espresso länger auf Temperatur.
4. Siebträger ausklopfen und reinigen
Reste vom letzten Bezug klopfe ich in den Knock-Box aus und wische das Sieb sauber und trocken. Ein sauberes, trockenes Sieb ist die Basis für einen gleichmäßigen Puck.
5. Ausguss wählen und montieren (eine oder zwei Tassen)
Je nachdem, ob ich eine oder zwei Tassen mache, wähle ich den passenden Ausguss und montiere ihn. Wichtig: früh festlegen, sonst merke ich erst beim Bezug, dass der falsche dran ist (siehe „Was schiefgehen kann“).
6. Bohnen abwiegen und in die Mühle geben
Ich wiege die Bohnen ab: 7–9 g für einen Single Shot, also 14–18 g für einen Double. Bei mir sind es oft 17 g – mehr passt bei meinem Sieb nicht sauber rein. Erst die leere Schale tarieren, dann die Bohnen einwiegen und in den Bohnenbehälter der Mühle geben. Ich mahle nur die Menge, die ich gerade brauche (Single Dosing).
Kaffeebohnen werden auf der Waage abgewogen, rund 17 Gramm für einen Double Shot
7. Betriebstemperatur abwarten und Leerbezug
Nach etwa zwei Minuten ist die Zuriga heiß – die leuchtenden Tasten zeigen mir die Betriebstemperatur. Damit auch der Siebträger auf Temperatur kommt, mache ich einen Leerbezug: heißes Wasser ohne Kaffee durch den leeren Siebträger. Danach trockne ich Siebträger und Tassen kurz ab.
Leuchtende Kontrolltasten der Zuriga zeigen nach zwei Minuten die Betriebstemperatur an
Teil 2: Mahlen, verteilen, tampern
Jetzt kommt der Teil, der über Über- oder Unterextraktion entscheidet. Mahlgrad prüfen, frisch mahlen, gleichmäßig verteilen, gerade tampern – in dieser Reihenfolge.
8. Mahlgrad prüfen und einstellen
Bevor ich mahle, prüfe ich den Mahlgrad an der Eureka Mignon und stelle ihn bei Bedarf nach. Das ist besonders wichtig, wenn vorher gröber gemahlen wurde – etwa für Filterkaffee – oder wenn ich die Bohnen gewechselt habe. Für Espresso mahle ich fein, aber nicht staubig: Der Bezug soll rund 30 Sekunden laufen, nicht zu schnell (dann ist es zu grob) und nicht tröpfeln (dann zu fein).
9. In den Siebträger mahlen
Jetzt mahle ich die Bohnen direkt in den Siebträger. Frisch gemahlen ist hier das A und O – gemahlener Kaffee verliert sein Aroma innerhalb von Minuten.
10. Kaffeemehl gleichmäßig verteilen
Damit das Wasser später überall gleich durchläuft, verteile ich das Mehl gleichmäßig im Sieb – bei mir mit kleinen „Karateschlägen“ an den Kopf und beim Griff an den Siebträger. Kein High-Tech, aber es funktioniert.
11. Tampern
Den Tamper setze ich auf das Mehl, drehe ihn und achte darauf, dass er überall gleich hoch steht. Dann presse ich die Luft heraus – gerade, mit gleichmäßigem Druck. Ein schiefer Tamper heißt schiefe Extraktion. Danach ist der Puck glatt und eben.
Teil 3: Der Bezug
12. Siebträger einspannen und Tasse stellen
Siebträger einspannen, die vorgewärmte Tasse unter den Ausguss stellen – jetzt kann es losgehen.
13. Bezug starten
Bezug starten. Ab hier läuft die Uhr – und ich behalte die Extraktion im Auge.
14. Bezug stoppen und Sichtkontrolle
Ich stoppe, was zuerst kommt: entweder rund 30 Sekunden, oder die Extraktion wird blass und tendiert ins Durchsichtige. Wer es genau wissen will, kostet den Espresso mehrfach während des Bezugs – mit dem Löffel in den Mund nehmen, schlürfen, ausspucken. So schmeckst du, welche Aromen und Säuren am Anfang, in der Mitte und zum Ende extrahiert werden. Danach kurz die Crema und die Konsistenz begutachten und daran schnuppern.
Jetzt hast du die Wahl
Espresso pur genießen – oder als Basis für Cappuccino oder Flat White nehmen. Wenn du Milch willst, geht es unten weiter.
Teil 4: Cappuccino & Flat White
Ein Tipp vorweg, den ich schmerzhaft gelernt habe: Die Milch gehört vor dem Bezug ins Kännchen, bereitgestellt und griffbereit. Sonst läuft der Espresso weiter, während du noch die Milch holst. Zumindest bei der Zuriga.
15. Dampflanze ausfahren und kurz abdampfen
Ich fahre die Dampflanze aus – die Zuriga schaltet dann automatisch auf Dampf. Erst ziehe ich kurz Dampf, um eventuelle Milchreste aus der Lanze zu blasen, und wische sie sauber. Das gehört vor jedem Milchgetränk dazu.
16. Milch aufschäumen – und bei 60–65 °C stoppen
Dampflanze in die Milch einführen, kurz Luft einziehen („einpusten“) und den Schaum dann mit einem Wirbel im Kännchen einarbeiten. Ziel ist feinporiger Mikroschaum, keine großen Blasen. Hat die Milch 60–65 °C erreicht, stoppe ich den Dampf – per Knopfdruck oder indem ich die Lanze einfahre. Heißer sollte sie nicht werden, sonst leidet der Geschmack und der Schaum fällt zusammen.
Milchtemperatur wird mit einem Thermometer am Kännchen auf 60 bis 65 Grad kontrolliert
17. Schaum kurz ruhen lassen, Lanze reinigen
Der fertige Mikroschaum darf kurz ruhen, während ich die Dampflanze noch einmal abdampfe und sauber wische – sofort, solange nichts angetrocknet ist.
18. Eingießen und Latte Art
Ich gieße etwa ein Drittel des Schaums vorher ab, dann gieße ich die Milch aus dem Kännchen in den Espresso – und versuche mich an etwas Latte Art. Ein Herz oder eine Rosette gelingen mir inzwischen ganz gut.
19. Servieren und genießen
Fertig. Und dann der beste Teil des ganzen Workflows: genießen.
Was alles schiefgehen kann (alles schon passiert)
Damit du nicht dieselben Fehler machst wie ich – hier meine ganz persönliche Pannen-Liste:
- Vergessen zu prüfen, ob genug Wasser im Tank ist.
- Die Mühle muss neu justiert werden, weil vorher gröber gemahlen wurde – etwa für Filterkaffee.
- Bohnenwechsel: Die Mühle muss erst von den alten Bohnen leergemahlen und gereinigt werden.
- Keine sauberen Tücher griffbereit – für Siebträger, Dampflanze, Arbeitsfläche und zum Trocknen der Tassen.
- Zu spät gemerkt, dass der falsche Ausguss dran ist. Dann entweder einen kalten Ausguss nachmontieren oder mit dem gewechselten Ausguss noch einen Leerbezug machen, damit er warm ist.
- Milch nicht rechtzeitig bereitgestellt – die Maschine stoppt den Bezug nicht automatisch, und der Espresso wird zu dünn.
- Und ganz banal: vorher die Arbeitsfläche freiräumen und reinigen, sonst wird es eng.
Woran ich noch schraube
Zwei Dinge stehen auf meiner Wunschliste: ein Dosierring, mit dem mehr Pulver sauber in den Siebträger passt, ohne dass es daneben geht. Und eine Waage, die in Dezigramm misst – damit ich nicht nur die Bohnen einwiege, sondern auch den Ertrag in der Tasse (Output/Yield) genau kontrollieren kann. Dann wird aus dem Augenmaß beim Stoppen eine echte Ratio.
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Hast du einen Tipp? Dann schreib‘ gerne in die Kommentarbox.
Häufige Fragen zum Workflow
Wie viel Kaffee nimmst du pro Tasse?
7–9 g für einen Single Shot, 14–18 g für einen Double. Bei mir sind es meist 17 g, weil mehr in meinem Sieb nicht sauber Platz hat.
Wann stellst du den Mahlgrad neu ein?
Immer wenn vorher gröber gemahlen wurde (etwa für Filterkaffee) oder wenn ich die Bohnen gewechselt habe. Ziel ist ein Bezug von 25 Sekunden + / – 5 Sekunden – läuft er zu schnell, mahle ich feiner, tröpfelt er nur, gröber.
Warum ein Leerbezug vor dem eigentlichen Shot?
Die Maschine ist nach zwei Minuten heiß, der Siebträger aber noch nicht. Der Leerbezug bringt ihn auf Temperatur – sonst kühlt er den ersten Shot aus.
Wie heiß sollte der Milchschaum sein?
60–65 °C. Darüber wird die Milch geschmacklich schlechter und der Schaum instabil. (Außerdem kann ich das Kännchen dann nicht mehr halten…)
Wie sieht dein Ablauf aus – was machst du anders?